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Die Geheimwissenschaft im Umriss

Rudolf Steiner

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Volltext verfügbar in doc oder PDF auf anthroposophie.net bzw. anthrowiki.info

Rezension © (2004) by interesting-books-selector.com

RS schreibt in der "Geheimwissenschaften" (p35; alle Seitenangaben beziehen sich im folgenden auf die Originalausgabe der 15.ten Auflage, 1920), dass das "Ich" das Vergangene in die Gegenwart rettet, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Das unterscheidet uns von den Tieren (und auch von Pflanzen). Diese Erkenntnis deckt sich soweit mit den Ergebnissen der Hirnforschung (siehe z.B.: Wolf Singer).

"Dasjenige was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet man als Seele."
-- Zitat RS, p39.

RS wurde nach Veröffentlichung des Buches Mysterienverrat vorgeworfen. Das alleine sollte Antrieb genug sein, dieses Buch zu lesen. Aber diejenigen, die noch nicht soweit sind "das Verborgene in allem Offenbaren" (p44) zu verstehen, schlafen beim Lesen der ersten 50 Seiten ständig ein und viele werden es deshalb sowieso nicht zu Ende lesen. Interessant ist z.B. zu erfahren (p49), wie "wahre" Kunst auf den Empfänger wirkt und warum die Kunst eine ungeheure Bedeutung für die menschliche Entwicklung hat. Wenn der Künstler z.B. ein Komponist ist, dann ist der Hörer einer Interpretation dieser Musik der Empfänger der äusseren Form (Ton) des Kunstwerkes. Die geistigen Untergründe dieser Form kann er mit Vorstellung und Gefühl durchdringen kann, so dass sein "Ich" Impulse empfängt, die bis auf den Lebensgeist wirken. Dem Lebensgeist (Ätherleib) entspricht "Buddhi" in der morgenländischen Weisheit; das Geistselbst (Astralleib) entspricht "Manas".

Obwohl RS ein Theosoph der europäischen Mystik war, kann man "Die Geheimwissenschaft" mit Kalu Rinpoches Buch parallel lesen ohne Widersprüche zu finden.

Es lohnt sich einige Kapitel der "Geheimwissenschaft" mehrfach zu lesen. RS ersetzte für mich auf brilliante Weise einen Grossteil der Buddhismus-Literatur. Seine Darstellungen sind logisch aufgebaut und kommen ohne die m.E. für westliche Kulturkreise übertriebene Symbolik des Buddhismus aus, die mir jetzt allenfalls nur noch als Ergänzung dient.

Nicht nur die "Geistesschüler"-Übungen, sondern auch alles was RS über Wiedergeburt und über die Auswirkungen des Karmagesetzes schreibt, fand ich sehr interessant.

Der Buddhismus ist keine dogmatische Religion, sondern eine Philosophie. Das gleiche gilt für die Schriften von RS, der im übrigen die buddhistische Lehre sehr gut kannte.

Es ist empfehlenswert, "Die Philosophie der Freiheit" (1894) vor und die "Wie erlangt man die Erkenntnis der höheren Welt?" (in englisch "Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment") nach der "Geheimwissenschaft" (1904) zu lesen.

    "Die Philosophie der Freiheit" enthält nichts aus den Mitteilungen der Geisteswissenschaften selbst, sondern sie gibt wieder, was der menschliche Gedanke sich erarbeiten kann, wenn das Denken sich nicht den Eindrücken der physisch-sinnlichen Aussenwelt hingibt, sondern nur sich selbst. Es arbeitet dann das reine Denken, nicht bloss in Erinnerung an Sinnliches sich ergehende in dem Menschen, wie eine in sich lebendige Wesenheit."
-- leicht gekürztes Zitat aus "Die Geheimwissenschaft", p361

Für diejenigen, die es nicht abwarten können in "Die Geheimwissenschaft" hineinzuschmecken, im folgenden einige Auszüge.

    "Durch die Erweckung der Seele in einen höheren Bewusstseinszustand, tritt eine ungebrenzte Bereicherung der Seelenerlebnisse ein. Durch keine Erkenntnisse der Sinnenwelt kann man eine solche Beseligung, befriedigende Gemütsverfassung und innere Wärme empfinden, wie durch dasjenige, was sich einer Erkenntnis erschliesst, die nicht den physischen Sinnen zugänglich ist. Kraft und Lebenssicherheit strömt aus einer geistigen Welt in den Willen ein."
-- kein wörtliches Zitat, sondern meine zusammenfassende, stark gekürzte Version der Seite 312.

    "Bei der Pflanze sehe ich, wie sie den reinen Gesetzen des Wachstums folgt von Blatt zu Blatt, wie sie die Blüte leidenschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl öffnet. Zu den rein erscheinenden Kräften der Pflanze hat der Mensch in seinem Wesen Triebe, Begierden und Leidenschaften hinzutreten lassen, denen er in seinem Verhalten folgt. Durch seine seelische Entwicklungsfähigkeit kann das Niedere in diesen Trieben und Leidenschaften vernichtet und auf einer höheren Stufe wiedergeboren werden."
-- dito, p323.

    "Bei dem Geistesschüler tritt als Übergangszustand in der einen oder anderen Form das ein, was man Kontinuität des Bewusstseins nennen kann. (Die Fortdauer des Bewusstseins während des Schlafens.)"
-- dito, p337

Nun in Form von wenigen Auszügen ein Schnellkursus der drei Entwicklungshauptstufen, von der imaginativen Welt über Inspiration zur Intuition:

    "Das zweite, neugeborene Ich kann nun zum Wahrnehmen in der geistigen Welt geführt werden. In ihm kann sich entwickeln, was für diese geistige Welt die Bedeutung hat, welche den Sinnesorganen für die sinnlich-physische Welt zukommt. Diese Entwicklung führt in ungeahntem Masse zu einer Verstärkung der Seelenkräfte der Selbstliebe. Die Willensschulung muss der Geisteschulung zur Seite gehen, denn es gilt diesen Selbstsinn zu besiegen. Es ist ein starker Trieb da, sich in der Welt beseligt zu fühlen, welche man sich erst selbst herangebildet hat. Und man muss das auslöschen, um das man sich erst mit aller Anstrengung bemüht hat. In der erreichten imaginativen Welt muss man sich auslöschen. Dagegen aber kämpfen die stärksten Triebe des Selbstsinnes an."
-- dito p340/341

    "Man wird durch die Ausbildung des Denklebens mehr ein Beobachter dessen, was man an sich erlebt, während man ohne das Denkleben unbesonnen in dem Erlebnis drinnen steht."
-- Zitat, p344

    "Damit sind die fünf Eigenschaften der Seele genannt, welche sich in regelrechter Schulung der Geistesschüler anzueignen hat: die Herrschaft über die Gedankenführung, die Herrschaft über Willensimpulse, die Gelassenheit gegenüber Lust und Leid, die Positivität im Beurteilen der Welt, die Unbefangenheit in der Auffassung des Lebens."
-- Zitat, p352

    "Die Beherrschung der Gedanken und Empfindungen muss [der Geistesschüler] so weit bringen, dass die Seele die Macht erhält, Zeiten vollkommener innerer Ruhe herzustellen, in denen der Mensch seinem Geiste und seinem Herzen alles fern hält, was das alltägliche, äussere Leben an Glück und Leid, Befriedigung und Kümmernissen, ja an Aufgaben und Forderungen bringt."
-- Zitat, p353/354

    "... dass das menschliche Denken, wenn es sich energisch innerlich aufrafft, mehr begreifen kann, als es in der Regel wähnt."
-- Zitat, p358

    "Es ist dabei kein Widerspruch, dass man doch den Inhalt seiner Gedanken aus den Mitteilungen der Geistesforscher [z.B. aus den Schriften von RS] schöpft. Die Gedanken sind dann bereits da, wenn man sich ihnen hingibt; aber man kann sie nicht denken, wenn man sie nicht in jedem Falle in der Seele wieder neu nachschafft. Darauf eben kommt es an, dass der Geistesforscher solche Gedanken [in den Geistesschülern] wachruft, welche diese aus sich erst holen müssen, während derjenige, welcher Sinnlich-Wirkliches beschreibt, auf etwas hindeutet, was von [den Geistesschülern] in der Sinnenwelt beobachtet werden kann."
-- Zitat p360/361

    "Die imaginative Welt ist ein unruhiges Gebiet. Es ist überall nur Beweglichkeit, Verwandlung in ihr; nirgends sind Ruhepunkte. - Zu solchen Ruhepunkten gelangt der Mensch erst, wenn er sich über die imaginative Erkenntnisstufe hinaus zu dem entwickelt, was die Erkenntnis durch Inspiration genannt werden kann. Imagination erlaubt die Verwandlung eines Vorganges in einen anderen wahrzunehmen. Durch Inspiration lernt man innere Eigenschaften von Wesen kennen, welche sich verwandeln - also in deren geistiges Innere einzudringen. Ohne die Erkenntnisse durch Inspiration verbliebe die imaginative Welt wie eine Schrift, die man anstarrt, die man aber nicht zu lesen vermag."
-- kein wörtliches Zitat, sondern meine zusammenfassende, stark gekürzte Version der Seiten 370/371/374

    "Die Verwandlung einer Pflanze vom Blütenzustand zum Fruchtzustand, ist eine Wesenheit, die während des Blühens die Pflanze wie eine Wolke von oben bedeckt und umhüllt hält. Die Pflanze ist vor der Befruchtung in einem Sonnenzustand, nach derselben in einem Mondenzustand, so wie die Erde war, als sich die Sonne abgetrennt hatte und die Mondenkräfte noch in ihr waren. Auch der kleinste Vorgang in der Welt wird nur dann begriffen, wenn in ihm ein Abbild grosser Weltvorgänge erkannt werden."
-- dito, p375/376.

    "Die Wesenheiten in ihrem Inneren selbst zu erkennen, kann intuitive Erkenntnis genannt werden. (Intuition ist ein Wort das im gewöhnlichen Leben missbraucht wird, für eine unbestimmte Einsicht in eine Sache, die zuweilen mit der Wahrheit übereinstimmt, deren Berechtigung aber zunächst nicht nachweisbar ist. Hier bezeichnet es die Erkenntnis von höchster, lichtvoller Klarheit, deren Berechtigung man sich, wenn man sie hat, in vollstem Sinne bewusst ist) - Ein Sinneswesen erkennen, heisst, ausserhalb desselben stehen und es nach dem äusseren Eindrucke beurteilen. Ein Geisteswesen durch Intuition erkennen, heisst völlig eins mit ihm geworden zu sein, sich mit seinem Inneren vereinigt zu haben."
-- dito, p377

    "Wer in seiner Kindheits- und Jugendzeit mit hingebungsvoller Bewunderung zu Personen wie zu hohen Idealen hinaufschauen konnte, in dessen Seelengrund ist etwas, worinnen übersinnlichen Erkenntnisse besonders gut gedeihen. Und wer bei reifem Urteile im späteren Leben zum Sternenhimmel blickt und in restloser Hingabe die Offenbarung hoher Mächte bewundernd empfindet, der macht sich reif zum Erkennen der übersinnlichen Welten."
-- dito, p385 (wörtlich)

    "[In der physisch-sinnlichen Welt] bekommt man durch Sinne Wahrnehmungen und macht sich dann über diese Wahrnehmungen Vorstellungen und Begriffe. Im Gegensatz dazu ist die Erkenntnis beim Wissen durch Inspiration unmittelbar da; es gibt kein Nachdenken nach der Wahrnehmung. Was für das sinnlich-physische Erkennen erst hinterher im Begriffe gewonnen wird, ist bei der Inspiration zugleich mit der Wahrnehmung gegeben."
- dito, p392/393 (verkürzt)

    "Eine Pflanze der sinnlichen Welt bleibt, wie sie ist, was auch des Menschen Seele über sie fühlt oder denkt. Das ist bei den Bildern der seelisch-geistigen Welt zunächst nicht der Fall. Sie ändern sich, je nachdem der Mensch dieses oder jenes empfindet oder denkt. Dadurch gibt ihnen der Mensch ein Gepräge, das von seinem eigenen Wesen abhängt."
-- dito, p398 (wörtlich)

    "Der Mensch entwickelt im gewöhnlichen Leben sein Ich, sein Selbstbewusstsein, das als Anziehungs-Mittelpunkt auf alles, was zum Menschen gehört wirkt. Alle seine Neigungen, Sympathien, Antipathien, Leidenschaften, Meinungen usw. gruppieren sich gleichsam um dieses Ich herum. Und es ist dieses Ich auch der Anziehungspunkt für das, was man Karma des Menschen nennt.
    Wer in richtiger Art zürst in der physischen Welt durch seinen Verstand das Karmagesetz begriffen hat, der wird nicht besonders erbeben können, wenn er nun die Keime seines Schicksals eingezeichnet sieht in dem Bilde seines Doppelgängers, auch der "Hüter der Schwelle" genannt, welche vor der geistig-seelischen Welt ist. Diesem "Hüter der Schwelle" begegnen wir beim Betreten der übersinnlichen Welt und beim Durchgang durch den physischen Tod."
-- dito, p399,403/404/405 (zusammenfassend)

    "Durch die Geister der Form [laut Rs also nicht nur durch das im Genom kodierte Phenomenon in Zusammenarbeit mit den Umgebungsbedingungen oder wie anschaulicher in der "Inneren Statue" von Francois Jacob gezeigt] erhält der Mensch sein selbständiges "Ich".

    Im Menschen der Erde muss die Liebe ihren Anfang nehmen. Aus alledem, was das "Ich" in sich entfalten kann, soll Liebe werden. In das Innerste des menschlichen Wesenskernes ist damit der Keim der Liebe gesenkt. Und von da aus soll er in die ganze Entwicklung [des Kosmos] einströmen.

    Wie sich die vorher gebildete Weisheit in den Kräften der sinnlichen Aussenwelt der Erde, in den gegenwärtigen "Naturkräften" offenbart, so wird sich in Zukunft die Liebe selbst in allen Erscheinungen als neue Naturkraft offenbaren.

    Die Erkenntnis, dass alles, was der Mensch vollbringt eine Aussaat ist, muss als Liebe reifen. Und soviel Kraft der Liebe entsteht, so viel Schöpferisches wird in Zukunft geleistet. Diese Entwicklung führt zur Vergeistigung, indem er sich als ein selbständiges Glied in der geistigen Welt fühlt.

    Die "Weisheit der Aussenwelt" wird, von einem Erdenzustande an, innere Weisheit im Menschen. Und wenn sie da verinnerlicht ist, wird sie Keim der Liebe. Weisheit ist die Vorbedigung zur Liebe; Liebe ist das Ergebnis der im Ich wiedergeborenen Weisheit."

-- dito, p444/445 (teilweise zusammenfassend)

Das gesamte Buch "Die Geheimwissenschaften" ist auch in englisch online: "Occult Science".

Hier der von RS vorgeschlagene Leitfaden zum erreichen der höheren erkenntnis im sinne der einweihung (initation), gekürzt aus Seite 419:

  1. studium der Geisteswissenschaft (d.h. seine bücher).
  2. erwerb der imaginativen erkenntnis.
  3. lesen der verborgenen schrift (entsprechend der inspiration).
  4. sich-einleben in die geistige umgebung (entsprechend intuition).
  5. erkenntnis der verhältnisse von mikro- und makrokosmos.
  6. sich Einswerden mit dem makrokosmos.
  7. Gesamt-erleben der vorherigen erfahrungen als Eine Grund-Seelenbestimmung.
das muss nicht nacheinander sein, sondern kann gemischt angegangen werden.

lt. RS sollte man sowohl jegliche überschwengliche freude, sowie den trieb des unwillkürlichen weinens ablegen, sich bewusst sein, wie man fühlen, erfahrung und denken zusammenhängen,

lt. RS gibt nur drei wege, ähnlich des dharma der buddhisten:

  1. den rein geistigen ("Die Philosophie der Freiheit". schwer zu lesen für nicht-logik-freunde).
    vorteil: es geht ganz ohne körperlich und geistige konzentrationsübungen. d.h. man kann diesem weg überall in jeder lebenslage gehen. es geht um die reine erkenntnis der funktionsweise des denkens.
  2. den weg der imagination/inspiration/intuition, den man mit der rosenkreuz-visualisierung* klassifizieren könnte.
    vorteil: weniger abstrakt. geeignet für leute, die nicht abstrakt und selbstbezüglich (rekursiv) denken können oder wollen. hier ist täglich 5 min. meditation bei absolut unverspannter verfassung und bei absoluter ruhe nötig. am besten morgens vor dem frühstück würde ich sagen. beten ist nicht notwendig. (sowas habe ich in keinem seiner wichtigsten zehn Bücher gefunden, obwohl er nie etwas gegen die christliche oder andere religionen sagte.)
  3. der reine gefühlsweg. dazu ist für eine zeitlang der rückzug in die vollkommene abgeschiedenheit nötig. erfolg aber m.W. nach nur bei denen möglich, die ein starkes seelenleben empfinden.
alles natürliche ohne gewähr! nichts ersetzt das selbstlesen seiner originalwerke.

Viel Glück und Erfolg!

*) die RS-rosenkreuz-visualisierung in vier zeilen zusammengefasst geht in etwa wie folgt: versuche sieben rote rosen im kreis angeordnet auf einem schwarzen Kreuz im geiste zu visualisieren, ohne an was anderes zu denken, nachdem du dir rote rosen alleine und den darin strömenden roten pflanzensaft und davor noch normale blumen mit den darin strömenden grünen pflanzensaft vorgestellt hast.

Die Rosenkreuz-Meditation

" Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?"
-- Zitat aus Goethes unvollendetem Märchen "Die Geheimnisse", siehe The Mission of Rudolf Steiner von Dr. Ernst Katz, Nov-2004.

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"Man stelle sich eine pflanze vor, wie sie im boden wurzelt, wie sie blatt nach blatt treibt, wie sich die blüte entfaltet. Und nun denke man sich neben diese pflanze einen menschen hingestellt. Man mache den gedanken in seiner seele lebendig, wie der mensch eigenschaften und fähigkeiten hat, welche denen der pflanze gegenüber vollkommener genannt werden können. Man bedenke, wie er sich seinen gefühlen und seinem willen gemäss da und dorthin begeben kann, während die pflanze an den boden gefesselt ist. Nun aber sage man sich auch: ja, gewiss ist der mensch vollkommener als die pflanze; aber mir treten dafür auch an ihm eigenschaften entgegen, welche ich an der pflanze nicht wahrnehme und durch deren nichtvorhandensein sie mir in einer gewissen hinsicht vollkommener als der mensch erscheinen kann. Der mensch ist erfüllt von begierden und leidenschaften; diesen folgt er bei seinem verhalten. Ich kann bei ihm von verwirrung durch triebe und leidenschaften sprechen. Bei der pflanze sehe ich wie sie den reinen gesetzen des wachstums folgt, von blatt zu blatt, wie sie die blüte leidenschaftslos dem keuschen sonnenstrahl öffnet. Ich kann mir sagen, der mensch hat eine gewisse vollkommenheit vor der pflanze voraus; dass er zu den mir rein erscheinenden kräften der pflanze in seinem wesen hat hinzutreten lassen triebe, begierden und leidenschaften.
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Ich stelle mir nun vor, dass der grüne farbensaft durch die pflanze fliesst und dass dieser der ausdruck ist für die reinen, leidenschaftslosen wachstumsgesetze.
Und dann stelle ich mir vor wie das rote blut durch die ader des menschen fliesst und wie dieses der ausdruck ist für die triebe, begierden und leidenschaften. Das alles lasse ich als einen lebhaften gedanken in meiner seele erstehen.
Dann stelle ich mir weiter vor, wie der mensch entwicklungsfähig ist; wie er seine triebe und leidenschaften durch seine höheren seelenfähigkeiten läutern und reinigen kann. Ich denke mir, wie dadurch ein niederes in diesen trieben und leidenschaften vernichtet wird und diese auf einer höheren stufe wiedergeboren werden. Dann wird das blut vorgestellt werden dürfen als der ausdruck der gereinigten und geläuterten triebe und leidenschaften.
Ich blicke nun z.B. im geiste auf die Rose und sage mir: sage mir: in den roten Rosensaft sehe ich die farbe des grünen pflanzensaftes umgewandelt in das rot; und die rote Rose folgt wie das grüne blatt den reinen, leidenschaftslosen gesetzen des wachstums. Das rot der Rose möge mir nun werden das sinnbild eines solchen blutes, das der ausdruck ist von geläuterten trieben und leidenschaften, welche das niedere abgestreift haben und in ihrer reinheit gleichen den kräften, welche in der roten Rose wirken.
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Ich versuche nun, solche gedanken nicht nur in meinem verstande zu verarbeiten, sondern in meiner empfindung lebendig werden zu lassen. Ich kann eine beseligende empfindung haben, wenn ich die reinheit und leidenschaftslosigkeit der wachsenden pflanze mir vorstelle; ich kann das gefühl in mir erzeugen, wie gewisse höhere vollkommenheiten erkauft werden müssen durch die erwerbung der triebe und begierden. Das kann die beseligung, die ich vorher empfunden habe, in ein ernstes gefühl verwandeln; und dann kann ein gefühl eines brefreienden glückes in mir sich regen, wenn ich mich hingebe dem gedanken an das rote blut, das träger werden kann von innerlich reinen erlebnissen, wie der rote saft der Rose. Es kommt darauf an, dass man nicht gefühllos sich den gedanken gegenüberstelle, welche zum aufbau einer sinnbildlichen vorstellung dienen.
Nachdem man sich in solchen gedanken und gefühlen ergangen hat, verwandle man sich dieselben in folgende sinnbildliche vorstellung. Man stelle sich ein schwarzes Kreuz vor. Dieses sei sinnbild für das vernichtete Niedere der triebe und leidenschaften; und da wo sich die balken des Kreuzes schneiden, denke man sich sieben rotem strahlende Rosen in einem kreis angeordnet.
Diese Rosen seien das sinnbild für ein blut, das ausdruck ist für geläuterte, gereinigte leidenschaften und triebe. Eine solche sinnbildliche vorstellung soll es nun sein, die man sich in der art vor die seele ruft, wie es oben an einer erinnerungsvorstellung veranschaulicht ist. Ein solche vorstellung hat eine seelenweckende kraft, wenn man sich in innerlicher versenkung ihrer hingibt.
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Jede andere vorstellung muss man versuchen während der versenkung auszuschliessen. Lediglich das charakterisierte sinnbild soll im geiste vor der seele schweben, so lebthaft als dies möglich ist. -- Es ist nicht bedeutungslos, dass dieses sinnbild nicht einfach als eine weckende vorstellung hier angeführt worden ist, sondern dass es erst durch gewisse vorstellungen über pflanze und mensch aufgebaut worden ist. Denn es hängt die wirkung eines solchen sinnbildes davon ab, dass man es sich in der geschilderten art zusammengestellt hat, bevor man es zur inneren versenkung verwendet. Stellt man es sich vor, ohne einen solchen aufbau erst in der seele durchgemacht zu haben, so bleibt es kalt und viel unwirksamer, als wenn es durch die vorbereitung seine Seelenbeleuchtete kraft erhalten hat.
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Während der Versenkung soll man sich jedoch sich alle die vorbereitenden gedanken nicht in die seele rufen, sondern lediglich das bild lebhaft vor sich im geiste schweben haben und dabei jene empfindung mitschwingen lassen, die sich als ergebnis durch die vorbereitenden gedanken eingestellt hat. So wird das sinnbild zum zeichen neben dem empfindungserlebnis. Und in dem verweilen der seele in diesem erlebnis liegt das wirksame. Je länger man verweilen kann, ohne dass eine störende andere vorstellung sich einmischt, desto wirksamer ist der ganze vorgang.
Jedoch ist es gut, wenn man sich ausser der zeit, welche man der eigentlichen versenkung widmet, öfters durch gedanken und gefühle der oben geschilderten art den aufbau des bildes wiederholt, damit die empfindung nicht verblasse. Je mehr geduld man zu einer solchen erneuerung hat, desto bedeutsamer ist das für die seele."
-- Zitat p322-326 (ohne Fussnote zu den naturwissenschaftlichen Einwendungen bzgl. eines Sinnbildes der Seite 325. Evtl. tippfehler bitte ich zu entschuldigen; Bilder © (2005) by nilum.com)
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Einige erklärende Zitate zum Rosenkreuzerspruch

"[So] wie er sich als Erdenmensch eingebettet fühlt in der Erdenentwicklung, so erkennt er sich als geistiges Wesen in diesem göttlichen Urquell alles Lebens. Im Innern der Seele lebt die Christus-Kraft, in dem selbstbewußten geistigen Kern in der Ich-Kraft. Über die Leibeshüllen hinaus lebt sie sich dar als der Geist aller Dinge, der Heilige Geist, als eine höhere Ich-Kraft, die das wahre unvergängliche Zentrum alles Seins ist. Im Innern der Seele lebt die Christus-Kraft, in dem selbstbewußten geistigen Kern in der Ich-Kraft. Über die Leibeshüllen hinaus lebt sie sich dar als der Geist aller Dinge, der Heilige Geist, als eine höhere Ich-Kraft, die das wahre unvergängliche Zentrum alles Seins ist.

Wenn der Mensch sich so erkennt als ein geistiges Wesen in diesem Allgeist, so kann er empfinden die Bedeutung der Worte aus dem Rosenkreuzerspruch: «In dem Heiligen Geist werde ich wiedergeboren», denn als neues Wesen steht er da seinem früheren Menschen gegenüber, ein Wesen, das zunächst sich aneignen muß die Eigenschaften und Fähigkeiten, welche es braucht in diesem geistigen Leben, so wie ein Kind lernen muß, seine leiblichen Organe zu benützen in der physischen Welt. Und wiederum muß dieses geistige Wesen in sich erleben die drei geistigen Kräfte, die sich in der kosmischen Entwicklung offenbaren als Fühlen, Denken, Wollen, als Liebe, Weisheit, Kraft. Denn wie das Kind zunächst lernt zu stehen und zu gehen, so muß der Mensch lernen, Richtung und Weg zu finden in der geistigen Welt. Dieses kann nur angeeignet werden mit dem Gefühl, indem er sich allem liebevoll gegenüberstellt. Dann muß er lernen, die Wahrheit zu erkennen, dadurch, daß er die Weltenweisheit, die in ihm ertönt, verstehen lernt, die Laute aus der geistigen Welt in sich erklingen läßt und ihre Bedeutung ahnt, so wie das Kind die Sprache verstehen lernt. Dann lernt er allmählich erkennen das wahre Leben im Geiste, indem er in sich selber ein Zentrum erlebt, von dem seine eigenen Willens- und Lebensimpulse ausgehen, so daß er selber sich offenbaren kann in dem Sprechen und in seinem Wesen. Daher spricht der Christus Jesus die Worte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.» Niemand kann durchdringen zu dem wahren geistigen Ursprung alles Seins, zu dem Vater, wenn er nicht diese drei Kräfte sich in seinem Geiste ausgebildet hat und sie in der richtigen Art verbindet.

Es stellt sich die Entwicklung des Menschen in demjenigen Symbolum dar, welches gehört zu dem tief bedeutsamen Rosenkreuzerspruch, in dem schwarzen Kreuz mit den roten Rosen. Es empfindet der Mensch dieses Symbolum als etwas Lebendiges, in welchem leben und weben die geistigen Kräfte, die ihn aufgebaut haben so, wie er aus der Gottheit herausgeboren ist. Dann aber weiß er, daß weitere Entwicklung seiner Seele möglich ist durch Anstrengung seiner eigenen Kräfte. Er weiß, daß nicht nur sein Blut rein werden soll wie der rote Pflanzensaft der Rosen, daß auch das schwarze Kreuz sich umwandeln muß, indem er seine Hüllennatur läutert und über das bloß Persönliche hinauswächst, wenn er sich hingibt an etwas unendlich Größeres. Dann stirbt er in dem Christus, und vor seiner Seele verwandelt sich das dunkle, schwarze Kreuz in ein leuchtendes, strahlendes Kreuz. Die roten Rosen erweitern sich zu einem unendlichen Kreise, wenn die Seele sich immer mehr in den Makrokosmos einlebt, bis sie sich selber als dieser Kreis empfindet. Im allumfassenden Makrokosmos erlebt sich dann der Mensch in einem neuen Dasein.

Dann, auf geheimnisvolle Weise, verwandeln sich die Farben des Symbolums, die Rosen zeigen sich grün, das Kreuz weiß. Ahnen kann die Seele nur die volle Bedeutung, indem sie empfindet die Kraft, welche ihr entgegenströmt. Wie aus höheren Geistessphären ihr entgegenstrahlend schaut und erkennt die Seele dieses heilige Symbol. Streng und kraftvoll zeigt es sich als eine Aufforderung zur stetigen Arbeit, damit einmal erreicht werde das große Ideal, welches ein jeder einzelne Mensch verwirklichen kann, wenn er wiedergeboren wird in dem heiligen Geist."
-- Zitat aus dem Kapitel "Zum Rosenkreuzerspruch", in Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914 Briefe, Dokumente und Vorträge aus den Jahren 1906 bis 1914 sowie von neuen Ansätzen zur erkenntniskultischen Arbeit in den Jahren 1921 bis 1924 (GA265 - ISBN-10: 3727426500) von Rudolf Steiner. (Einleitende Bemerkung zu diesem Kapitel: Vermutlich handelt es sich hier um eine Niederschrift von Rudolf Steiner, für die jedoch kein Original vorliegt. Text nach einer handgeschriebenen Vorlage mit dem Vermerk "F. M.")

"Betrachten wir das Rosenkreuz: das Holz des Kreuzes, das ist das Tote, die Rosen sind das Leben, das daraus hervorsprießt."
-- Zitat aus dem Kapitel "Das Dreieck mit dem Auge" - Das Kreuz (Rosenkreuz) beim Altar des Ostens. Aus Instruktionsstunde, München, 12. Dezember 1906; in GA265.
... "Wir haben auch davon gesprochen, wie beim Tode des Christus Jesus auf Golgatha der physische Leib in die physischen Substanzen der Erde eingedrungen ist und wie daraus für einzelne Menschen die Kraft entsprungen ist, um in den ersten nachchristlichen Zeiten die Märtyrerschaft durchzumachen. Zu seiner Zeit hat auch der Ätherleib des Christus als Äthersubstanz sich in die Erde aufgelöst und dadurch hat sich für einzelne Individualitäten die Möglichkeit eröffnet, diese Äthersubstanz in sich aufzunehmen, und dadurch konnten gewisse Verrichtungen durch diese Individualitäten hier auf Erden geschehen.

Auch der Astralleib des Christus gelangte in einer bestimmten Zeit in die Astralsubstanz (aura) der Erde und damit konnten auch wiederum menschliche Astralhüllen umkleidet werden, die gewisse Geschehnisse auf Erden zeitigten. Und jetzt wird die Ich-Substanz Menschen mitgeteilt werden können. Denn wenn auch Jesus von Nazareth bei der Taufe seine drei Hüllen verlassen hat, so blieb doch auch ein Teil der Ich-Substanz bei den Hüllen, und so wurde auch diese Kraft der Erde eingefügt.

Das Neue, was jetzt allmählich den Menschen (mitgeteilt) geoffenbart werden wird, ist eine Erinnerung oder Wiederholung desienigen, was Paulus bei Damaskus erlebt hat. Er schaute die Äthergestalt des Christus. Daß diese aber étzt für uns sichtbar werden soll, rührt von der Tatsache her, daß in der Ätherwelt gleichsam ein neues Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat. Das, was hier in der physischen Welt bei der Kreuzigung stattgefunden hat infolge des Hasses der nicht verstehenden Menschen, das hat sich jetzt auf dem Ätherplan wiederholt durch den Haß der Menschen, die als Materialisten nach dem Tode in die Ätherwelt eingetreten sind.

Man halte sich noch einmal vor die Seele, wie bei dem Mysterium von Golgatha ein Kreuz aufgerichtet wurde aus totem Holz, an dem der Leib des Christus hing. Und dann schauen wir jenes Kreuzesholz in der Ätherwelt als sprießendes, sprossendes Holz, grünes, lebendiges Holz, das durch die Flammen des Hasses verkohlt ist und an dem nur noch die sieben blühenden Rosen erscheinen, die siebenfache Natur des Christus darstellend, dann haben wir da das Bild von dem zweiten Mysterium von Golgatha, das sich etzt in der Ätherwelt abgespielt hat. - Und durch dieses Absterben, dieses zweite Sterben des Christus, ist es möglich geworden, daß wir jenen Ätherleib schauen werden. Die Verdichtung, den toten Teil des Ätherleibes des Christus Jesus werden die Menschen schauen."
-- Aus Instruktionsstunde Berlin, 8. Februar 1913; in GA265.

"In der Atlantis hatte für die Menschen alles, was sie in der Natur um sich hatten, eine wahrnehmbare Sprache. Die Weisheit (in den Wassern enthalten) tönte ihnen ihr Tao entgegen. Im Tautropfen haben wir in unserer Sprache dieselbe Bezeichnung, wie sie das Wort Tao ist für das, was die Wasser der Weisheit den Menschen offenbarten. Tau heißt auf lateinisch: ros, und Kreuz: crux. Roscrux bezeichnet beides dasselbe: das Tao-Zeichen, das Kreuz und den Tau auf den Pflanzen. Dies ist die esoterische Bedeutung des Rosenkreuzes."
-- Notizen von einer Instruktionsstunde ohne Orts- und Datumangabe; in GA265.

Zusätze (12-Nov-2009)
1) Man beachte auch die, die Geheimwissenschaft im Umriss betreffenden Aussagen bzgl. des Trinitätproblems und des Christus-Bewusstseins in "Anthroposophie und Christengemeinschaft" von Karl Ballmer.

2) Eine kritische Stimme zu Steiners Geheimwissenschaft und Anthroposophie:
Auszug aus "Vom Jenseits der Seele, Die Geheimwissenschaften in kritischer Betrachtung" von Max Dessoir (1867 — 1947).


P.S.: Eine kleine Anektode zum Schluss. Am 09-Mai-2004 sendete B2 Radio einen Vortrag von RS zur Reinkarnation, Rosenkreuz Mission und Akasha Chronik. Als ich daraufhin nachforschte was RS noch über Akasha geschrieben hat, erhielt ich durch eine fehlerhafte Interpretation des Ergebnisses eines Suchbefehls das folgende, zusammenhängende Zitat aus dem Vortrag von RS am 10-Okt-1913:

"The soul in the spiritual world is hardly more than a few patches of color."

Das fand ich so wunderschön, dass ich es Ihnen nicht vorenthalten wollte!
Es muss aber betont werden, dass RS das so nicht gesagt hat. Der obige Satz ist zufällig aus zwei Textfragmenten in dem Vortrag entstanden in dem RS über "investigating how Leonardo da Vinci created his famous picture" sprach.


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